Sich verteidigen ohne anzugreifen. Die Macht der Gewaltfreiheit.
von Pat Patfoort
Se défendre sans attaquer. La puissance de la Nonviolence. Jeugd & Vrede, Mechelen, 2004
Aus dem Französischen von Ingrid von Heiseler
Die deutsche Ausgabe wurde von der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden, und dem Versöhnungsbund Deutscher Zweig herausgegeben. Sie ist im Oktober 2008 erschienen.
ISBN 3-930010-09-7 418 Seiten LP 16.-€ im Buchhandel (Lieferzeit etwa 14 Tage)
Bezug auch über den Versöhnungsbund und die Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden (zuzüglich 2.50 € für Porto und Verpackung bei Einzelbestellung; Preis für mehrere Exemplare auf Anfrage)
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Über das Buch
Dieses Buch macht Epoche: Leserinnen werden ihr Leben einteilen in eine Zeit, bevor sie das Buch gelesen hatten, und in eine Zeit danach.
Das Buch liefert einfache Kategorien, mit denen unser täglicher Umgang miteinander ebenso wie der von Repräsentanten auf hoher politischer Ebene, ja ganzer Völker miteinander beobachtbar und beschreibbar wird. Damit, dass er beschreibbar wird, wird er beeinflussbar.
Beim Betrachten des Inhaltsverzeichnisses staunt die Leserin zunächst darüber, dass das, was das Buch lehren will, erst in der zweiten Hälfte entfaltet wird. Sie fragt sich vielleicht ungeduldig: Was ist hier neu? Enthält das Buch etwas, das unsere dringende Frage beantwortet: Was könn(t)en wir in Zukunft besser machen? Und wenn ja, wie lautet die Antwort darauf?
Die tiefe Weisheit, die dieses Buch praktiziert, ist, dass die Grundlage jeder absichtsvollen Veränderung die Erkenntnis ist: So machen wir das jetzt (noch – und führt uns das dahin, wohin wir wollen?) In der ersten Hälfte des Buches werden wir also darin eingeübt, in uns und um uns – im engen und im weiten Umkreis – unsere alltägliche Handlungsweise zu erkennen, die uns, das wissen wir längst, durchaus nicht glücklich macht.
Durch die vielen anschaulichen Beispielen, die zugleich das Buch gut lesbar und interessant machen (‚human interest’), prägen sich die einfachen Kategorien derartig ein, dass jeder, der das Buch gelesen hat, nicht umhin kann, das, was er tut, andere tun sieht und im Fernsehen zu sehen bekommt zunächst in seinen Gedanken mit Hilfe dieser Kategorien zu beschreiben. Schnell stellt sich dann auch das Bedürfnis ein, diese Betrachtungsweise anderen mitzuteilen, denn die Kategorien bieten auch die Möglichkeit einer schnellen Verständigung und einer neuen Gemeinsamkeit: dies ist der Schneeballeffekt des Buches.
Um den Schneeballeffekt zu erreichen, ist es natürlich erst einmal notwendig, dass es ein paar Anfangs-Bälle gibt, je mehr desto besser.
Die aufmerksame Lektüre allein hat schon die Wirkung von Übungen. Im Anhang des Buches werden dann noch ausdrücklich Übungen genannt, die sich auf den Text des Buches beziehen, die also nicht abzutrennen und einzeln zu verwerten sind. Mit ihrer Hilfe können Einzelne und kleine Gruppen ohne Leitung erfolgreich arbeiten (bzw. größere mit einer Gruppenmoderatorin, die keine zusätzliche Kompetenz braucht, da inhaltlich im Buch alles vorgegeben ist).
Dass es eine deutsche Fassung des Buches geben muss, leuchtet besonders darum ein, weil es keine englische Fassung gibt. Aber eine englische Fassung wäre ja auch nur einem kleineren Kreis zugänglich, dies aber ist ein Buch für jeden! Man möchte es jungen Paaren zur Hochzeit und Eltern zur Geburt ihres Kindes schenken! Für Lehrer sollte es zur Pflichtlektüre werden und es wäre auch als Klassenlektüre – etwa im Rahmen von Friedenserziehung - geeignet. Unabdingbar wird es für das „Friedenstraining“ sein!
Das Buch hat Chancen, ein Standardwerk zu werden, dessen Wirkung womöglich die Breitenwirkung, die Thomas Gordons Bücher in den 70er und 80er Jahren erzielten, übertreffen wird. Inhaltlich gibt es Gemeinsamkeiten mit diesen Büchern, aber methodisch ist das Buch von Pat Patfoort Gordons Büchern darum vorzuziehen, weil es den Schwerpunkt auf die Beobachtung unserer Handlungsweise legt und für das neue Handeln eher einen Rahmen steckt als dass es einfache Handlungsanweisungen gibt.
Ingrid von Heiseler, Übersetzerin
"Worum geht es denn in dem Buch?"
Pat Patfoort-Buchbessprechung in "Versöhnung" 3/2008, S.15
„Sich verteidigen, ohne anzugreifen“, „’böse werden’ ohne Aggressivität“, „sich entschädigen, ohne zu bestrafen oder sich zu rächen“ (Überschriften der drei letzten Kapitel) – schön wär’s ja, aber ist das denn zu machen?
Pat Patfoort zeigt uns: Das muss kein frommer Wunsch bleiben, wir können es verwirklichen, wenn wir bereit sind umzulernen.
Woher? – Wohin?
Woher? Wir alle agieren im Entweder-Oder-System, müssen „leiden oder triumphieren, Amboss oder Hammer sein.“ (Goethe) oder in Pat Patfoorts Worten: Wir nehmen entweder die „Mehr-“ oder die „Minderposition“ ein. Unser „Selbsterhaltungstrieb“ veranlasst uns dazu, die Mehrposition einzunehmen, denn, da wir keine 3. Möglichkeit kennen, müssten wir uns sonst mit der Minderposition abfinden. Der Selbsterhaltungstrieb ist neben der Verschiedenheit der Menschen und der Bedeutung der Kommunikation eins der Elemente, die Pat Patfoort ihrem Konfliktmodell zugrunde legt. Indem wir versuchen, aus der Minderposition herauszukommen, setzen wir uns entweder dem „Angreifer“ oder einem unbeteiligten Dritten gegenüber in die Mehrposition und bringen damit eine „Eskalation“ oder eine „Kette“ in Gang. Wenn wir uns nicht aus der Minderposition erheben können, richten wir unsere Aggressivität möglicherweise gegen uns selbst („Internalisierung“). Nichts davon führt zum gewünschten Erfolg, denn dass das Mehr-minder-System „funktioniert“, ist „eine Illusion“ (Kapitel 9).
Wohin? Glücklicherweise gibt es noch ein anderes System, das nur noch nicht allgemein bekannt ist: das Gleichrangigkeitssystem! Es bietet uns eine „3. Art der Reaktion“. Die Gleichrangigkeitsposition ist die einzig „starke“, denn sie provoziert weder Gegenreaktionen (Eskalation) noch bringt sie eine „Kette“ in Gang, die durchaus wieder zu uns zurückführen kann.
Wer im Gleichrangigkeitssystem handelt, handelt gewaltfrei. Auch wenn es nicht immer eine 100%ig gewaltfreie Lösung geben wird, so bringt allein schon die Atmosphäre der Gleichrangigkeit bzw. der Gewaltfreiheit, in der die Parteien gemeinsam Lösungen suchen, eine Annäherung der entgegengesetzten Positionen. Pat Patfoort beschreibt eine Technik, mit deren Hilfe Konflikte gemeinsam mehr oder weniger gewaltfrei gelöst werden können.
Die Art der Kommunikation spielt dabei die Hauptrolle, denn Menschen teilen einander – verbal und nonverbal - mit, welche Position sie dem anderen gegenüber einnehmen (wollen). Deshalb ist ein großer Teil des Buches dem Erkennen der Bedeutung des kommunikativen Handelns gewidmet.
Allein schon die Lektüre des Buches ist durch seine Intensität und Eindringlichkeit eine Einübung in das Gleichrangigkeitssystem. Dazu kommen noch die angehängten Übungen, die zum Teil vermutlich sehr tief gehen.
Ingrid von Heiseler