Lost in Goa

Lotos Verlag Roland Beer Berlin (2001) ISBN 3-86176-006-1 12 Euro

In Goas Hauptstadt Panjim treffen sich drei Deutsche: Arno, der in Indien seinen ihm unbekannten indischen Vater sucht, Manuela, die sich dort umbringen will, und die Pensionärin Angela, die sich aus Langeweile nützlich machen möchte, der Brasilianer Ramon, der sich auf dem Rückweg vom Ganges, in den er die Asche seines indischen Großvaters streute, in Goa verliebt, und die Goaner Bernardo, ein Architekt, bei dem Arno wohnt, Vilma, Hausbesitzerin in Calangute, Rajashree, der Reporter, die junge Rohini, der ihre muslimische Familie die Liebe zu Ramon verbietet, und schließlich die Vierjährige, die den Namen Rosa bekommt. Angela, Bernardo und Vilma sind Porträts realer Personen, ebenso wie der Schriftsteller und die beiden Ärzte.

Am Rande der Haupthandlung steht ein zum Hinduismus übergetretenes amerikanisches Paar, das seine Existenz einem in einer Zeitung abgedruckten Brief verdankt, in dem gemeldet wurde, der Mann sei bei einem rituellen Bad im Ganges ertrunken.

Das Buch stellt Lebens- und Denkweisen im heutigen Goa in Beschreibungen und Gesprächen dar, die in die Haupthandlung eingefügt sind.

Die Autorin kennt Goa und besonders Panjim aus eigener Anschauung. Während ihrer ausgedehnten Aufenthalte dort, schöpfte sie aus mündlichen und schriftlichen Quellen – vor allem aus Zeitungen - und verarbeitete ihre eigenen Erfahrungen im Land.

Aus dem 13. Kapitel

Arno versank in seine Gedanken. „Was für eine Reise!“, sagte er dann. „Alle achtunddreißig Jahre meines Lebens habe ich nicht so viel erlebt wie in diesen letzten Wochen! Wie konnte ich nur in all das hineingeraten? Und dann die gescheiterte Suche nach meinem Vater!“ Er erzählte Angela von seiner großen Enttäuschung. Sie schwiegen lange.

Dann fragte Arno plötzlich: „Was ist der Sinn?“

„Der Sinn?“

„Der Sinn des Lebens.“

„Sinn?“

„Also, was ist das Leben?“

„Sie sind in einer Krise!“

„Kein Wunder.“

„Was hielten Sie vor der Krise für selbstverständlich?“

„Dass ich die Frucht einer romantischen Liebe und ein Prinz bin.“

„Schöne Rolle. Und jetzt?“

„Ja, Rolle! Jetzt ist es eine schöne Rolle g e w e s e n !“

„Früher nicht?“

„Nein, früher war es Realität.“

„Merkwürdige Realität, die sich durch eine einfache Mitteilung nachträglich ändert, finden Sie nicht? Welche Rolle haben Sie jetzt?“

„Eben keine Rolle mehr.“

„Aber Sie sind ja nun etwas anderes als Prinz und romantische Liebesfrucht.“

„Ja. Zufallsprodukt eines streunenden Zigeuners.“

„Das gefällt Ihnen nicht.“

„Gefiele Ihnen das?“

„Ihr Vater war oder ist Tonkünstler. Sind Sie musikalisch?“

„Freizeitmusiker.“

„Aha. Ihre Mutter war von ihm bezaubert.“

„Sie liebt Saxophonmusik.“

„Wie heißt dann die Geschichte?“

„Sie wollen da etwas umdrehen.“

„Was ist falscher an dieser Geschichte als an der alten? ‘Musiker bezaubert Bürgersfrau und zeugt mit ihr ein Kind der Liebe.’“

„Satire!“

„Nicht satirischer als die ältere Version.“

„Was ist das Leben?“

„Da Sie sich diese Frage - wie übrigens andere Leute auch - nur stellen, wenn Sie gerade in einer Krise stecken, hat die Antwort wenig Chancen, sehr positiv auszufallen.“

„Ein Spiel, sagen manche.“

„Ist die Antwort brauchbar?“

„Es kommt darauf an, ob ich gerade gewinne oder verliere. Wenn ich verliere, hilft mir der Gedanke: Das ist ja nur ein Spiel. Notfalls kann ich auch mit dem Spielen aufhören.“

„Das ist eine der Schwachstellen dieser Metapher: Ein Spiel kann man unterbrechen und wieder aufnehmen, das Leben nicht.“

„Metapher?“

„Deutungsweise. Metaphern machen sich manchmal selbständig.“

„Geschichte, Metapher - das Leben als Literatur?“

„In gewisser Weise. Vielleicht ist das eine brauchbare Metapher: Jeder schreibt seine Geschichte selbst, jedenfalls wählt jeder - bewusst oder unbewusst - seine Metaphern.“

„Ganz frei, oder?“

„Sie haben Recht, natürlich nicht ganz frei. Der Inhalt ist innerhalb eines Rahmens vorgegeben. Aber die Form wählt jeder selbst. Sie können eine Tragödie oder eine Komödie, einen Trivialroman, einen Krimi oder was Sie wollen daraus machen.“

„Mir wäre lieber, Sie drückten sich direkter aus.“

„Wirklich? Das wäre umständlicher und langweiliger.“

„Alle Vergleiche hinken.“

„Ja, deshalb ist es auch besser, wenn man sich nicht an einer einzigen Metapher festhält, sondern ab und zu mal neue Bilder im Wohnzimmer aufhängt.“

„Das Leben: ein Spiel, ein Kampf, ein Fluss, eine grüne Wiese, die Hölle auf Erden, ein Theatersaal nach der Vorstellung, ‘das Leben nennt der Derwisch eine Reise’ “

„ ‘und eine kurze’. Ich sehe schon, Ihnen fällt genügend ein.“

„Und das wird mir helfen?“

„Ich weiß es nicht.“

::zu Lost in Goa Absender: "Martin Arnold" <Martin.Arnold@ekir.de>

Liebe Ingrid! [...] Es wäre sehr schön, wenn du uns noch drei "Lost in Goa" schicken könntest.

Ich habe es immer gerne verschenkt. Ich finde es spannend, nicht nur im äußeren Sinne, dass da detektivisch etwas zu knobeln ist, sondern vor allem in dem Umstand, das jedes Kapitel eine innere seelische Saite anregt, die mitschwingen und mitfühlen will. Außerdem fühle ich mich ins Bild gesetzt über die Verhältnisse dort in dem so fernen Land.. Bei der Vielzahl der Personen, die in dem Buch "mitspielen", ist es sehr gut, dass es ein Personenverzeichnis gibt, wo man ab und zu mal nachschlagen kann, wer wer ist. Ich habe mir allerdings manchmal erlaubt weiterzulesen, ohne dass ich das genau wusste. Wegen der beschriebenen inneren Spannung konnte ich es auch so mit Interesse weiterlesen. -

Viele Grüße! Deine Gisela (Arnold).

„Wolfsburger Nachrichten“ 09.10.2004

Dramatisches aus Goa Ingrid von Heiseler zu Gast beim Kulturverein Zugabe

VORSFELDE. [...] Die Autorin las aus ihrem Roman „Lost in Goa“. Ob es sich bei dem Werk um einen Thriller, ein Drama oder einen historischen Roman handelt, findet der Zuhörer erst langsam heraus.

Die Autorin, die Goa selbst bereist hat, mischt Fakten und Fiktion. Die Handlung ist dramatisch. Es geht um Kindesentführung und Femegericht, parallel dazu werden die historische Entwicklung und die gesellschaftlichen Veränderungen in Westindien nach dem Abzug der Portugiesen erzählt. Dabei beschreiben die handelnden Personen die Geschichte aus ihrer ganz persönlichen Sicht.

Von Heiseler verarbeitet in dem 2001 erschienenen Buch ihre eigenen Reiseerlebnisse zu einem spannenden Werk besonderer Art. Sie zeichnet zudem ein buntes Lokalkolorit einer längst vergangenen Epoche. Geschickt baut sie Aktuelles aus Zeitungsartikeln und mündlich Überliefertes in ihre Erzählung mit ein.

Die Zuhörer waren begeistert und begleiteten die Lesung mit interessierten Fragen. bw