Einer tanzt aus der Reihe. Ein erzählender Bericht
Till von Heiseler Verlag Reihe: edition sisyphos
Berlin 1990, ISBN 3-927885-01-0
6 Euro
Klappentext:
Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter. Schon im Kindergarten zeigt der Sohn „auffälliges Verhalten“. Als er schließlich eingeschult wird, sehen sich die Grundschullehrer mit unlösbaren Problemen konfrontiert. Dieses eigenwillige Kind kann nicht „stillsitzen“und will sich den Anweisungen der Lehrer nicht fügen. Schulpsychologen, Spieltherapeuten, Nervenärzte und Analytiker stellen ihre Diagnosen. Sie reichen von „wunderbare Spontaneität“ (mit der die „normale“ Schule nur nicht zurecht komme) über einen „zu starken Ödipuskomplex“ bis hin zur „Verhaltensstörung“. Es beginnt eine Odyssee von Schule zu Schule, von Therapeut zu Therapeut ...
Die Autorin liefert mit ihrem erzählenden Bericht sowohl ein eindrucksvolles Beispiel für die hinterwäldlerische Auffassung von Pädagogik und Psychologie in den sechziger Jahren als auch ein heiter-melancholisches Portrait einer Mutter-Sohn-Beziehung, in der zwei trotz aller Widrigkeiten nicht aufgegeben haben.
Leseprobe:
XI
Es ist sehr warm, ich habe ein blaues Kleid an. Es ist der Sommer der Gänseblümchen-Muster. Die Träger des Kleides sind sehr schmal, der Rock wippt: Das Kleid ist vielleicht doch eher für ein junges Mädchen.
Jedenfalls scheinen das Kleid und ich dem Mann auf dem Sofa zu gefallen. Er hat dicke Lippen, spricht, als wäre jeder Satz eine Offenbarung. Er ist bei der Stadt angestellt, so entstehen uns weiter keine Kosten für die Spieltherapie. Till ist ein schwieriger Fall. Er baut die Tiere so auf, daß sie in gar keiner Beziehung zueinander stehen. Am liebst schießt er – starke Aggressionen! (Ich hätte ihm vielleicht doch Knallplätzchenpistolen kaufen sollen?) Und er hat ein Bild gemalt. Darauf ist eine Zirkustänzerin zu sehen im blauen Kleid, genau wie ich. Das läßt auf einen kräftigen Ödipuskomplex schließen. Das Kind ist verliebt – Augenblinzeln – in seine – ja auch recht attraktive! – junge Mutter. Aha. Damit aber die Spieltherapie – er hat sie ja so nötig! – auch genehmigt wird, muß er noch einem Psychiater vorgestellt werden. Der wohnt fast nebenan.
Wir brauchen kaum zu warten. Ich bleibe draußen. Till verschwindet mit einer hübsch und freundlich Aussehenden – sie trägt einen weißen Kittel – hinter einer der weißen Türen. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen, große Blätter mit dicken Stiften bemalt. In der Schule dürfen die kleinen Kinder nur auf kleinen Blöcken malen. Sie sind so groß wie die Hefte. Es macht Till keinen Spaß, auf einem so kleinen Blatt zu malen. Sie sollen auch alles mit Buntstiften ausmalen. Das ist langweilig. Auch dabei kann er sich nicht konzentrieren! klagt die Lehrerin. Aber vielleicht ist Kneten das richtige für ihn? Zur Grundausstattung in der ersten Klasse gehört ein Kasten Plastellin. Die erste Arbeit soll ein Zwerg sein. Tills Zwerg ist der größte! Er hat ihn aus dem gesamten Inhalt der Packung hergestellt. Nun kann er leider nicht mehr mitmachen beim Kneten. [...]
Inzwischen ist wohl eine halbe Stunde vergangen. Die Tür öffnet sich. Ich bin schon schlechte Kritiken gewohnt. Die Frau macht ein freundliches Gesicht. Mit diesem Gesicht geht das wohl nicht anders. Ich werde mutiger, aber so ganz ernst meine ich es doch nicht, als ich sage: Er ist wohl – etwas – spontan? Sie lächelt stärker und sagt enthusiastisch: Herrlich spontan! Ich wundere mich. In der anschließenden Besprechung werden wir nun auch vom Arzt belobigt. Diesmal wartet Till draußen. Das Kind ist, wenn man so will, „normaler“ als andere, es hat nämlich weniger Hemmungen. Das paßt natürlich nicht in unsere Schulen, wo nur Untertanen erzogen werden. [...]
Noch mehr Nützliches erfahre ich. Wir bekommen ein Attest darüber, daß Till eine „konstitutionelle Hypermotorik“ habe. Auch dafür bin ich dankbar: Wenn das „konstitutionell“ ist, ist es jedenfalls nicht Folge meiner Erziehung oder Nicht-Erziehung.
Das Kind ist vollständig normal. Der Meinung bin ich eigentlich auch. Aber warum kommt es dann in der Schule nicht zurecht? Ja, die Schule – das Wort wird lang gedehnt - ! Die ist eben nicht normal. Aha. Aber wie erträgt nun das normale Kind die nicht normale Schule und umgekehrt? Das zeigt sich einige Zeit später: gar nicht. Was ist zu tun? Ich hätte es auf das Drängen der Lehrer und des von der Stadt bestellten Psychologen zur Spieltherapie angemeldet?! Das macht nichts, meint der Arzt, solange es ihm Spaß macht, soll Till hingehen. „Das Kind ist so normal, daß ihm auch eine Spieltherapie nicht schadet.“